Wie ich wurde, was ich bin

Mein Weg zur Stiftungsexpertin und zum Integrativen Coach

Das Leben als Erstgeborene von 3 Geschwistern bringt es so mit sich, dass man die meisten Dinge als Erste in der Familie macht. Normalerweise innerhalb der Kinder, nicht unbedingt über Generationen hinweg. Bei mir spannt sich der Bogen etwas weiter.

Die Familien meiner Eltern waren seit Jahrhunderten auf dem südostbayerischen Land beheimatet, beide stammen von kleinen Bauernhöfen. Eine höhere Bildung war dort genauso wenig vorgesehen

wie Klavierunterricht oder Reisen in ferne Ländern.

Wie ich es trotzdem ins Ballett, zum Doktortitel und in die entlegensten Winkel der Welt geschafft habe, lest ihr in meinem allerersten Blogartikel.

So viel sei vorab verraten: ich hatte oft keinen Plan und bekam stattdessen unglaubliche Angebote vom Leben, die mich genau das haben werden lassen, was ich sein sollte: jemand der andere dazu ermächtigt, sich selbst zu helfen.

1. Juli 1975, born to be a Bavarian girl:

Im heißen Sommer 1975 startete ich in mein Leben. Im Nachhinein betrachtet hätte ich es mir vielleicht etwas mondänder und näher am Puls der Zeit ausgesucht, aber davon hatte ich damals noch keine Ahnung. So wurde es ein Weiler mit 5 Häusern in der Nähe von Waging am See auf dem bayerischen Land zwischen Kühen und Trachtenverein.

Endlose Sommer lang rannten wir lachend und schreiend über die Wiesen und plantschten im See. Im Winter bauten wir Schneeburgen bis die Gesichter rot vor Kälte waren. Meine zwei jüngeren Geschwister und ich waren behütet und frei zugleich, es war herrlich.

Trotzdem hatte die Idylle einen kleinen Riss, da ich von meinen Neigungen und der Wesensart her so gar nicht ins ländliche Umfeld passte. Ich wollte lieber ins Ballett statt zum Dirndldrehen und lieber Klavier statt Zither lernen, aber da führte so schnell noch kein Weg hin.

Kindheitserinnerungen in Waging

2. September 1985, hurra, Gleichgesinnte in Sicht!

Die Familientradition hätte eigentlich die Hauptschule und eine Lehre vorgesehen, aber dank meiner engagierten Grundschullehrerin und meiner toleranten Eltern durfte ich als erste der Familie seit wahrscheinlich Jahrhunderten eine höhere Schule besuchen.

Im Gymnasium taten sich mir ganz neue Welten auf. Ich lernte ganz andere Lebensmodelle kennen und Menschen mit einem viel weiteren Horizont. Meine Feinfühligkeit und meine roten Harren entsprachen zwar immer noch nicht dem aktuellen Trend der 80-er Jahre, aber immerhin wurde ich akzeptiert und fand meine Freunde fürs Leben.

Auch wenn die Schule in einer Kleinstadt war, bekam ich eine allererste Ahnung von der großen weiten Welt. Sie faszinierte mich ungemein und diese Faszination hat bis heute nicht nachgelassen.

3. März 1989, endlich Tanzunterricht

Trotz aller Hindernisse habe ich es doch ins Ballett und zum Jazz Tanz geschafft. Nachdem ich mich vom Trachtenverein und dem Turnen über die Leichtathletik bis hin zum Tennis vorgearbeitet hatte, fand ich einen Jazz Tanz Schnupperkurs in der VHS Waging.

Es zeigte sich, dass meine Ballettaufführungen daheim nicht von ungefähr kamen und ich Talent hatte. So viel, dass sich meine VHS Tanzlehrerin dafür einsetze, dass ich ins Theater am Aumühlweg in Freilassing kam.

Das war meine Welt! Mit Hartnäckigkeit bekam ich meine Mutter dazu, mich wöchentlich die insgesamt 50 Kilometer zu fahren. Daheim trainierte ich täglich und bald schon wurde ich in der Tanzcompany aufgenommen und durfte auf die Bühne.

Beim Tanzen habe ich alles vergessen und oft war eine Tanzstunde in schwierigen Zeiten die beste Therapie. Mein Anker, mein Rückzugsort, etwas, das mich aus mir heraus glücklich machte.

Tanzübungen im Wohnzimmer und später im Tanzstudio

4. Juli 1994, keine Ahnung, was aus mir werden soll

Die Schule war für mich immer etwas, das man machen musste und Gott sei Dank fiel sie mir relativ leicht.

Mein Interesse lag aber so ganz und gar nicht bei meiner zukünftigen Karriere, sondern bei meinen Freundinnen, beim Weggehen und Tanzen und so hatte ich nach dem Abitur überhaupt keine Ahnung, was aus mir werden sollte. Reiseverkehrskauffrau? Irgendwas mit Sprachen? Psychologie studieren? Am liebsten von allem ein bisschen!

Es wurde dann erst einmal ein Auslandsaufenthalt in London als Au Pair Mädchen. Dort hat mich wieder das Fieber der großen weiten Welt gepackt und zumindest war mir danach klar, dass ich etwas studieren möchte, was mich zurück ins Ausland bringen kann.

Dass es dann Gymnasiallehramt mit den Fächern Deutsch und Englisch wurde, war etwas ernüchternd und passte eigentlich gar nicht zu mir. Es stellte sich im Nachhinein aber heraus, dass ich auch ohne Plan alles richtig gemacht hatte.

Das Leben hat mich dorthin geführt, wo ich hin sollte.

5. Februar 2000, die entscheidende Frage für meine berufliche Zukunft

Sie kam von einer Kommilitonin, die neben mir im Englisch Übersetzungskurs saß: „Brauchst du einen Nebenjob? Ich will unbedingt für 2 Monate nach Australien, das kann ich aber nur, wenn ich eine Urlaubsvertretung organisiere. Machst du das?“

Da ich mit meinem aktuellen Nebenjob nicht so glücklich war und zwei Mark mehr pro Stunde geboten bekam, nahm ich das Angebot an. Es stellte sich heraus, dass ich in einer Beratungs- und Dienstleistungsfirma für gemeinnützige Organisationen landete.

Es passte perfekt zu mir. So gut, dass ich dort 15 Jahre blieb und zuletzt das Deutsche Stiftungszentrum (Süd) als Geschäftsführerin leitete. Ich lernte alles, was man über den gemeinnützigen Sektor lernen konnte und erkannte vor allem, dass eine Arbeit, die nur auf Status und Geld ausgerichtet ist, niemals so bereichernd sein wird wie eine Tätigkeit, die einen höheren Sinn hat und über das eigene Ego hinaus geht.

6. April 2001, ok, dann promoviere ich eben

Lange habe ich an der LMU München meine Heimat gesucht und sie letztendlich bei Professor Dietz-Rüdiger Moser am Lehrstuhl für Bayerische Literaturgeschichte gefunden.

Seine Forschungen zu Brauchtum, Narrenliteratur und Symbolik waren mitten aus dem Leben gegriffen und faszinierten mich. In einer seiner Sprechstunden suchten wir ein Hausarbeitsthema für mich und er hatte aus dem Nichts die Eingebung, dass ich etwas über Närrinnen schreiben sollte. Er wusste auch gleich das passende Buch von Albert Joseph Conlin dazu. Dummerweise gab es dieses nur antiquarisch zu einem recht hohen Preis. Sein Angebot war, dass er es für das Institut kauft, aber nur, wenn daraus auch eine Doktorarbeit entstünde.

Wieder einmal schenkte mir das Leben ungewollt eine große Chance und ich griff zu.

Dissertation „Frommes Feindbild Frau“

7. Dezember 2006, es wird alles zu viel

Die Profilierung in der Arbeit sowie parallel die Dissertation zehrten an meinen Kräften. Zudem zog sich die Doktorarbeit in die Länge, da die Zeit einfach nie ausreichte, weder für das eine noch für das andere.

Ich versuchte – so wie ich es gelernt hatte – alles durch Leistung zu kompensieren, doch ich musste anerkennen, dass auch meine Kräfte eine Grenze haben. Hinzu kam nach 10 Jahren Beziehung die Trennung von meinem Lebenspartner, meiner ersten großen Liebe.

Die übliche Ablenkung im Außen half nicht, diese große Traurigkeit zu überwinden. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich richtig erschüttert und am Boden zerstört.

Letztlich halfen mir intuitive innere Arbeit und meine wunderbaren Freunde durch diese schweren Zeiten, auch wenn tiefe Narben zurückblieben. Von Coaching, Psychotherapie und den vielen wunderbaren Techniken, die es als Hilfestellung gibt, wusste ich damals noch nichts.

8. September 2009, die Hochzeitsglocken läuten

Nachdem ich 20 Jahre lang verkündet hatte, dass ich nie heiraten und Kinder bekommen würde, tat ich es einfach. Ich ging eine Ehe ein, wohl wissend, dass wir beide in sehr unterschiedlichen Welten lebten, aber mit der festen Überzeugung, dass wir es mit genügend positiver Einstellung schaffen würden.

Das Leben hat mich eines Besseren belehrt und nach 10 Jahren Ehe erst in die tiefste Krise meines Lebens und dann auf die richtigen Pfade geführt. Als größtes Geschenk aus dieser Zeit nehme ich meinen Sohn Lukas mit, das Glück meines Lebens.

9. Juli 2015, raus aus der Komfortzone, rein in den Dschungel

Ich hätte wahrscheinlich bis zur Rente in meinem schönen Altbau Büro in München bleiben, faszinierende Menschen beraten und interessante Projekte begleiten können. Meine Arbeit machte mich glücklich.

Nicht gerechnet hatte ich mit der Artemed Stiftung und dem Angebot, die Stiftung von Grund auf aufzubauen. Sie sollte Gesundheitsversorgung an Orte bringen, die bisher davon ausgeschlossen waren und das bedeutete auch für mich, an diese Orte zu gehen. Ich wusste nicht, ob ich das konnte, weder unter den Bedingungen vor Ort noch im Kontakt mit den Menschen. Aber ich wollte es herausfinden und bin in das Abenteuer gesprungen.

Bis heute bin ich in diesem Abenteuer und wurde in der Zwischenzeit mit so reichen Erfahrungen und unglaublichen Begegnungen belohnt, wie ich sie mir nicht vorstellen konnte. Der Nebeneffekt: mit meinen Auslandsplänen hat es so auch noch geklappt.

Stiftungseinsatz in Namibia 2016

10. Oktober 2020, alles fängt innen an

Durch meine Arbeit in der Entwicklungshilfe konnte ich mit eigenen Augen sehen, dass jede Veränderung im Inneren eines Menschen beginnt. Man kann noch so sehr die Strukturen verbessern, wenn die Menschen innerlich nicht mitwachsen, ist in kürzester Zeit wieder alles beim Alten.

Wenn man hingegen die Menschen dazu ermächtigt, von innen heraus ihren Weg zu gehen, sind wahre Wunder möglich. Auch bei mir selbst habe ich dies durch meine für mich lebensverändernde Psychotherapie und erste Coachings gesehen.

Struktur, Management, Strategie, darin war ich Profi. Aber wie man innerliche Veränderung anstößt und begleitet, das wusste ich nicht. In meiner Coaching Ausbildung bei Heika Eidenschink habe ich diese Fähigkeiten gelernt und zudem erkannt, dass meine vermeintlichen Schwächen wie meine Sensibilität und meine ruhige Art gefragt und wertvoll sind.

11. Mai 2022, die Suche nach neuen Wegen

Aktuell suche ich nach dem richtigen Ansatz wie ich Engagement zum Wohle aller und Coaching verbinden kann, so dass eine tiefere Veränderung unserer Gesellschaft und jedes einzelnen möglich sind.

Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, erfordern einen neuen Ansatz weg vom reinen Gewinnstreben, von Maximierung und Leistungsdruck. Sowohl die Menschen als auch der Planet ächzen maximal unter dieser Belastung. Wir brauchen ganz dringend eine neue Definition von Erfolg und von dem, wonach wir streben.

Was wäre, wenn anstelle von Status innere Zufriedenheit und anstelle der Wirtschaftsmaxime der Erhalt unserer Ressourcen treten würde? Unser ganzes Handeln würde sich verändern und eine nachhaltige und gesunde Zukunft könnte sich auftun.

Diesem Ziel möchte ich den Rest meines Berufslebens widmen und bin gespannt, wohin mich das Leben nun führen wird. In meine Blog halte ich euch dazu auf dem Laufenden.

6 Kommentare

  1. Toll, was du schon alles gemacht hast Veronika!

    Der Switch zur inneren Zufriedenheit und dem Erhalt unserer Ressourcen ist längst überfällig und doch oft noch so weit weg.
    Und es ist ein grandioses Lebensziel mit hoffentlich bald noch viel mehr Nachahmern.

    Lieben Gruß,
    Tina

  2. Wie wunderbar und doch so selten, dass jemand seine Lebensgeschichte so offen niederschreibt und öffentlich macht. Vielen Dank dafür! Falls ich zu diesem erstrebenswerten Ziel beitragen kann, melden Sie sich bitte.

  3. Liebe Veronika,

    auch wenn ich das Glück habe, dass deine Geschichte für mich nicht neu war, weil Du mich und ich Dich seit Jahren begleiten, hat sie mich gleichermaßen berührt und stolz gemacht- wie sie uns zeigt- wohin wir uns entwickelt haben. Vielen Dank für Deine Unterstützung auf meinem Weg und dass auch – wie ich hoffe- ich dich auf dem Deinem unterstützen konnte.
    Anna

    1. Liebe Anna, vielen Dank für deine Worte! Ich wäre ohne dich und meine engsten Freunde ganz sicher nicht da, wo ich heute bin und auch nicht die, die ich heute bin. Kann man schwer in wenige Sätze packen, was das bedeutet und wie dankbar ich bin. Ich glaube dazu schreibe ich einen eigenen Artikel ;-).

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